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Soziale Arbeit BB


    Text 1+2 [b]Pierre Bourdieu[/b] [b]Etzioni Amitai[/b]

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    Lina Konrad

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    Text 1+2 [b]Pierre Bourdieu[/b] [b]Etzioni Amitai[/b]

    Beitrag von Lina Konrad am Mo Okt 09, 2017 4:12 pm

    Pierre Bourdieu

    Die vorliegenden Texte aus „Das Elend der Welt“ von Pierre Bourdieu, beleuchten kritisch die Rolle des [französischen] Staates bei der Lösung von sozialen Problemen ebenso wie bei ihrer Verursachung.

    Zusammenfassung

    Eingangs gibt Bourdieu zu bedenken, dass Ursachen für Probleme nicht unbedingt dort zu finden sind, wo man sie vermuten möchte. In einem konkreten Beispiel beschreibt er, dass das was sich in den „Problemvorstädten“ [Frankreichs] abspielt, nicht durch Beobachtung vor Ort zu ergründen ist. Vielmehr sei der eigentliche Gegenstand der Analyse die gesellschaftliche Konstruktion sowie bürokratische, politische und journalistische Institutionen, die Teil der Realität sind, die es zu begreifen gilt (vgl. Bourdieu et al., 1997: 207).
    Als Grundproblem sieht Bourdieu den Rückzug des Staates, etwa im Bereich der öffentlichen Wohnungsfinanzierung, im Zuge einer fortschreitenden Neoliberalisierung ab den 1970ern, die die im Raum materialisierte soziale Trennung und Entstehung von Orten gesellschaftlichen Abstiegs mitverantwortet. Die kollektive Konversion zur neoliberalen Sichtweise bewirkte einen moralischen Wandel, der Staatsinterventionismus mit Totalitarismus gleichsetzt, den Sozialismus mit dem Sowjetsystem auf eine Stufe stellt und den Kampf gegen Ungleichheiten für unwirksam erklärt. Gleichzeitig assoziiert man Privatunternehmen mit Effizienz und Modernisierung mit der Überführung der rentabelsten öffentlichen Dienstleistungen in den Privatsektor. Diese Sichtweisen werden von journalistischen Medien, aber auch von verschiedenen staatlichen Institutionen wie etwa Hochschulen, propagiert (vgl. Bourdieu et al., 1997: 207-209).
    Man geht von einer staatlichen Politik, die auf eine Beeinflussung der Verteilungsstrukturen aus war, zu einer Politik über, die nur noch eine Korrektur der Auswirkungen der ungleichen Ressourcenverteilung, über. Damit einher geht eine Schwächung der Gewerkschaften und der Mobilisierungsinstanzen. Im Wohnungsbereich ersetzt eine „Staatswohltätigkeit“ frühere Formen der direkten Unterstützung (vgl. Bourdieu et al., 1997: 210-211).
    Sogenannten „kleinen Beamten“, die damit beauftragt sind soziale Funktionen zu erfüllen, also die unerträglichsten Auswirkungen der Marktlogik zu kompensieren, werden nicht die nötigen Mittel zur Verfügung gestellt, um ihrem Auftrag, dem moralischen und materiellen Elend entgegenzutreten, erfüllen zu können. Dabei erleben sie die Widersprüchlichkeiten eines Staates, dessen „rechte Hand nicht mehr weiß, (…) was die linke (…) tut.“ Die Begeisterung für die Rendite, die Produktivität und die Wettbewerbsfähigkeit ruiniert die Grundlage von staatlichen, sozialen und pädagogischen Funktionen (vgl. Bourdieu et al., 1997: 210).
    Viele Probleme, mit denen sich Familien und Kinder konfrontiert sehen, hängen laut Bourdieu direkt oder indirekt mit dem Wirken der Schulen zusammen. Es ist eine mangelnde Übereinstimmung der durch die Schule gleichermaßen geweckten wie verschlossenen Sehnsüchte auszumachen. Trotz eines Mangels an finanziellem und kulturellem Kapital, dass den jungen Leuten wie ein Stigma anlastet, locken unerreichbare und gleichzeitig omnipräsente Konsumgüter. Besonders davon betroffen sind Migranten, die sich in einem inneren Konflikt mit ihren Wurzeln und Traditionen befinden und durch ihr „negatives symbolisches Kapital“ zusätzlich Probleme auf dem Arbeitsmarkt haben und isoliert werden (vgl. Bourdieu et al., 1997: 211-213).
    Die Verbindung zwischen einer neoliberalen Politik und des Rückzugs des Staates begünstigt räumliche Segregation und soziale Brandherde. Da politische rechts ausgerichtete Parteien, im vorliegenden Beispiel der Front National, ihre gesamte Strategie auf der Ausnützung der Fremdenfeindlichkeit und Rassismus aufbauen, ohne dabei tiefer auf Ursachenforschung zu gehen (oder gehen zu wollen). In der zentral gewordenen Frage der Umverteilung und damit gleichzeitig auch der Frage der Definition derer, die ein Anrecht darauf haben, solidarisieren sich die einheimischen „Beherrschten“ mit ihren „Beherrschern“ gegen die Migranten. Wegen des neuen gemeinsamen „Feindbildes“ ist der Klassenkampf der Beherrschten gegen die Herrscher nun Geschichte (vgl. Bourdieu et al., 1997: 215).
    Im zweiten vorliegenden Text von Bourdieu, „Eine unlösbare Aufgabe“, berichtet er von einem Gespräch mit einer Sozialarbeiterin. Sie beschreibt ihr ambivalentes Anstellungsverhältnis, in dem sie zwar von der Stadtverwaltung bezahlt wird, aber in erster Linie an eine externe Struktur gebunden ist, obwohl sie der Weisungsbefugnis des Bürgermeisters untersteht. Zusätzlich hat sie mit einer Vielzahl von Verhandlungspartnern zu tun, auf staatlicher Ebene alleine 17 Departementsdirektionen, deren Verantwortliche praktisch nie zusammenkommen und denen gegenüber sie in der Position der Bittstellerin auftritt. In Verbindung mit geringen finanziellen Ressourcen ist sie damit weitgehend handlungsunfähig. Als Vergleich berichtet sie von einem vorangehenden Anstellungsverhältnis, bei dem sie zwar mit ausreichender Macht ausgestattet war, dort aber ihre Aufgabe „zu gut“ erfüllt hat, sodass zutiefst widersprüchliche Absichten zu Tage traten, die sich hinter ihrer Aufgabe verbargen (vgl. Bourdieu et al. 1997: 217-219).

    Reflexion

    Bourdieu beschreibt in den Texten kausale politische und soziale Zusammenhänge, die äußerst komplex sind. Besonders bildungsferne Schichten haben vermutlich Probleme diese Umstände nachzuvollziehen bzw. werden sich auch kaum damit so eingehend befassen. Es ist auch nicht ihre Aufgabe. Eigentlich sind Wissenschaftler/innen und Politiker gefragt, wenn es um das Aufspüren, Verstehen und Lösen solcher Wechselwirkungen geht. Die Soziale Arbeit kann, gefangen in einem Doppel- Tripelmandatsbalanceakt, nur Symptome bekämpfen und steckt dadurch bis zum Hals in Arbeit.
    An diesem Punkt ist man genau in dem Dilemma gefangen, dass Bourdieu beschreibt. In der Politik werden einfache, populäre Lösungen bevorzugt, die Wissenschaft hat unzureichende finanzielle Mittel zur Verfügung und mit einer zunehmenden Neoliberalisierung wird die Diskrepanz zwischen Schein und Sein immer größer. Diese Problematik ist aus sozialarbeiterischer Sicht hoch brisant und stets aktuell.
    Das Hauptproblem dürfte sein, dass die heilige Kuh des Kapitalismus nicht geschlachtet werden darf (oder vielleicht sogar: kann?), weil das nicht im Interesse der „Herrschenden“ ist. Mir bleibt zu hoffen, dass es möglich ist.

    Diskussionsfrage:

    Wie ist es möglich dem fortschreitenden Neoliberalismus entgegenzuwirken?

    Quelle:

    Accardo Alain, Balazs Gabrielle, Beaud Stephane, Bourdieu Emmanuel, Bourdieu Pierre, Broccolichi Sylvain, Champagne Patrick, Christin Rosine, Faguer Jean-Pierre, Garcia Sandrine, Lenoir Remi, Œuvrard Francoise, Pialoux Michel, Pinto Louis, Podalydes Denis, Sayad Abdelmalek, Soulie Charles, Wacquant Loic J.D. (1997): Das Elend der Welt. UVK Verlagsgesellschaft.


    Etzioni Amitai

    Der Kapitel Das kommunitaristische Programm: Rechte und Pflichten von Etzioni Amitai in Die Entdeckung des Gemeinwesens handelt von einer Anleitung für eine bessere Welt. Es werden Problemstellungen der heutigen Zeit aufgezeigt und Lösungsvorschläge präsentiert. Das ganze aus der Sicht Amerikas.

    Zusammenfassung:

    Etzioni Amitai ist der Auffassung, dass weder das Individuum selbst als auch die Gesellschaft an sich ohne Zeit, Kraft und Ressourcen in die Gemeinschaft zu stecken überleben können. Eine eigennützige und egoistische Grundhaltung würde dem gesamten System schaden und das gemeinsame Projekt der demokratischen Selbstverwaltung gefährden. Dem setzt er verschiedenste Lösungsansätze entgegen (vgl. Etzioni 1998: 282).
    Laut Etzioni ist die kommunitaristische Suche nach ausgewogenen Verhältnissen zwischen Individuen und Gruppen, Rechten und Pflichten sowie zwischen den Institutionen des Staates, des Marktes und der Zivilgesellschaft ein prinzipiell immerwährendes Projekt. Im geschichtlichen Kontext fallen ihre moralischen Befunde und Empfehlungen je nach Ort und Zeit verschieden aus. Eine Divergenz moralischer Positionen muss dabei nicht zu Caos führen, ein echter Dialog kann Orientierungen ergeben und gemeinsame Ziele definieren und unterstützen (vgl. Etzioni 1998: 283-284).
    Im Text wird auf die moralische Verpflichtung hingewiesen, bereits in der eigenen Familie damit zu beginnen, nicht nur materielle Bedürfnisse zu befriedigen, sondern auch für moralische Erziehung und Charakterbildung zu sorgen. Besonders betont wird auch ein notwendiger Einstellungswandel bei dem der Kindererziehung eine wichtige Stellung zukommt und zu würdigen anstatt abzuwerten. Außerdem haben heutzutage auch Schulen eine wichtige Rolle in der moralischen Erziehung zu erfüllen (vgl. Etzioni 1998: 286-288).
    Da in vielen Bereichen der Politik das Gemeinwohl vernachlässigt wird, weil die Parlamentarier bei den Lobbys in der Schuld stehen, sollte der politische Einfluss des privaten Geldes soweit wie möglich verringert werden (vgl. Etzioni 1998: 293).
    Auch wenn in diesem Manifest manchmal auf gesetzlich definierte Pflichten Bezug genommen wird, geht es dem Autor in erster Linie um moralisches Engagement und um die große Bedeutung von Gemeinschaften, in denen sich Verantwortungsbewusstsein bildet und vermittelt wird. Eine Gesellschaft, die eine gemeinschaftliche Pflichterfüllung vorrangig mit staatlicher Gewalt erzwingen muss, steckt in einer tiefen Krise. (Etzioni 1998: 298).

    Reflexion:

    Besonders in der heutigen Zeit ist es wichtig sich vor Augen zu führen, dass Kindererziehung, so wie sie wünschenswert wäre, nicht immer ausreichend passieren kann, da die dafür benötigten Rahmenbedingungen nicht mehr gegeben sind, weil teils beide Elternteile berufstätig sein müssen, um den materiellen Lebensunterhalt finanzieren zu können. Wie oben beschrieben fällt hierbei immer mehr Bildungseinrichtungen die Verantwortung zu, elementare Bereiche der Bewusstseinsbildung und der Erziehung zu übernehmen. Daher sollten vielmehr gezielte Schulungen und gesetzliche Bestimmungen in diesen Bereichen stattfinden, um sicher zu gehen, dass jedes Kind diese Werte des Gemeinwohls vermittelt bekommt.
    Teile der kommunitaristischen Ansätze sind bereits in der Sozialen Arbeit durch die Gemeinwesenarbeit verankert und werden öffentlich praktiziert. Ganz allgemein kann gesagt werden, dass niemand dazu gezwungen werden kann ein moralisch korrektes Leben zu praktizieren, im Sinne einer idealen Gesellschaft wäre es natürlich wünschenswert.

    Diskussionsfrage:

    Ist die kommunitaristische Bewegung durch populistische Tendenzen gefährdet oder erlebt sie gerade einen Aufwind (Stichwort: share and care)?

    Quelle:

    Etzioni Amitai (1998): Das kommunitaristische Programm. Rechte und Pflichten. In: Die Entdeckung des Gemeinwesens. Das Programm des Kommunitarismus. Frankfurt am Main. 282-299.

      Aktuelles Datum und Uhrzeit: Do Dez 14, 2017 3:31 am